Geometrie

Das Kennzeichen der menschlichen Hand

Eher geht es darum, etwas abzubilden, was durch menschliche Hand geformt wurde und den menschlichen Hang zur geometrischen Gestaltung zeigt, die – so vermute ich – ursprünglich von dem Wunsch motiviert gewesen sein mag, dem Werk den Stempel des Menschengemachten, Nicht-Natürlichen aufzudrücken, was sich ästhetisch am einfachsten durch die geometrische Reduktion erreichen lässt. Diese nämlich kommt in der Natur in derart einfacher Form so gut wie nie vor. In der Horizontlinie des Meeres finden wir eine gerade Linie, in der Form von Sonne und Mond die Kreisform wieder, und schon erschöpfen sich die Beispiele für derart einfache geometrische Formen in der Natur. Alles andere, Bäume, Berge, Tiere, Gewässer, Wolken, spricht in seiner Makrostruktur eine organische Formensprache, ist also rocailleartig fraktal, zerklüftet, komplex, unregelmäßig, unberechenbar, chaotisch und – im Empfinden des Menschen – wahrscheinlich auch potenziell bedrohlich. Die Kennzeichnung des Künstlichen, Menschengemachten durch eine Ästhetik möglichst einfacher Geometrie könnte also primär eine magische Handlung gewesen sein, eine Machtgeste, die den so geprägten Raum entmystifiziert, in etwas Übersichtliches und Gefahrloses nicht nur de facto, sondern auch emotional umwandelt.

Also geht es um die geometrisierende Geste, das Kennzeichen der zivilisierenden menschlichen Hand. Und, wichtiger: um die praktische Unmöglichkeit dieses Vorhabens.

Denn auch wenn man noch so genau zu arbeiten versucht, das vorhandene Material unter Einsatz von noch soviel Energie von seinem fraktalen Ursprung zu entfremden versucht – immer bleiben Spuren; und überlässt man das Geschaffene sich selbst, werden erst recht Entropie und Natur alle menschlichen Spuren mit der Zeit auslöschen.

In der Auseinandersetzung mit der Ästhetik des Bildes und seiner materiellen Grundlage tun sich nicht planbare Gestaltungsmöglichkeiten auf, deren Umsetzung auch immer eine Rekombination der damit verbundenen Inhalte nach sich zieht, die so in der reinen theoretischen Analyse vermutlich nicht zustandegekommen wäre. Ästhetische Formenelemente und analytisch-gedankliche Inhalte sind auf eine nichtlineare Weise miteinander verknüpft; die Kombination analytischer Gedanken funktioniert nach einer anderen Mechanik des Möglichen und Üblichen als die Kombination der ästhetischen Elemente im Bild. Wird nun letztere als dominante Operation betrieben, erfolgt dadurch auch eine Kombination der analogen analytischen Inhalte auf unübliche Weise. Gestalterische Intelligenz besteht vielleicht in der Art der Verknüpfung von Gedanke und Ästhetik.