Prozessuale Nacktheit

Auf der Suche nach der Destillation anthropologischer Konstanten

Neben dem Handeln, das wir uns klassischerweise als zielgerichtete Aktion eines abgrenzbaren Subjektes vorzustellen gewohnt sind, kennt die chinesische Philosophie eine zweite Art zu handeln, eine Art bewusstes Geschehenlassen, bei der die Grenze zwischen bewusst handelndem Ich einerseits und spontanen Impulsen oder äußeren Einflüssen andererseits unwichtig wird. Eine Balance dieser beiden Wege strebe ich in meiner Arbeit an: durch Nutzung der natürlichen Eigenschaften des verwendeten Materials in der Selektion zufallsgesteuerter Vorgänge; durch das Spiel mit Abstraktion und Abbildhaftigkeit; durch das von unbewusstem Ausdruckswollen gesteuerte Entstehenlassen der abgebildeten Figuren ohne Modell oder Foto; durch die thematische Auseinandersetzung mit mir fremden menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen auf der Suche nach der Destillation anthropologischer Konstanten. Meine Arbeit verstehe ich als verallgemeinerbare Modellhandlung für einen Ausgleich zwischen diesen beiden Wegen.

Im Versuch, im Rahmen meiner Diplomarbeit die von mir entwickelte Arbeitsweise theoretisch zu fassen, bin ich vor etwas mehr auf zwei Jahren auf den philosophischen Daoismus gestoßen. Hatte ich bei westlichen Denkern immer nur punktelle Übereinstimmungen mit dem finden können, was meine Arbeit ausmacht – etwa in der Ästhetik Baumgartens –, taten sich hier nun unvermittelt weitreichende Parallelen auf: Das galt für Klassiker wie das Daodejing und das Zhuangzi, die zwischen 500 und 300 v. Chr. entstanden, ihre Interpretationen durch die Philosophen Wang Bi und Guo Xiang aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. ebenso wie für das im 17. Jahrhundert n. Chr. verfasste „The Philosophy of Painting“ des daoistischen Mönches und Malers Shi T’ao.

Der chinesischen Philosophie eigen ist eine weitaus fluidere Konzeption des Realen, eine Metaphysik, in der Prozess und Wandel eine sehr große Rolle spielen. Durch das angestrebte „Sich-dem-Wandel-Anheimgeben“ soll eine größere Nähe erreicht werden zu dem, was die Realität strukturiert, zu einer Art zugrundeliegendem Prinzip (Dao genannt); dabei verschwimmt die Trennung von Subjekt und Umwelt. In meiner Arbeit finden sich diese Prinzipien auf vielen Ebenen: auf der Einbeziehung von materialformenden Zufallsprozessen besonders am Anfang der Entstehung einer Arbeit, aber auch im späteren Verlauf, wenn eine oder mehrere Figuren in den so entstandenen Hintergrund „hineingelesen“ und nach und nach fixiert werden ebenso wie wenn ich, bei der Ausarbeitung anatomischer Details, die Kontrolle meiner Handbewegungen komplett an mein im Unterbewussten gespeichertes Wissen abgebe und das Malen „geschehen lasse“. Auch in der Ikonographie der Bilder zeichnet es sich ab: es gibt so gut wie keine klare Trennung zwischen Figur und Umraum – die Grenzen sind fließend, es findet Austausch statt von Informationen, Energien, Materie. Die Figuren sind einerseits anatomisch im Sinne klassischer westlicher Figuration, festgehalten in der Bewegung – andererseits überzogen von Meridianen, abstrakten Markierungen, Visualisierungen innerer Vorgänge, ähnlich wie die formalisierten chinesischen Akupunkturskulpturen.

Interessant dabei ist, dass es laut dem Sinologen Francois Jullien die Darstellung von Nacktheit an sich in China gar nicht gibt, da sie etwas Statisches ist, eine Pose erfordert, und weil diese Art der Abstraktion der Idee „Mensch“ von einer ontologischen Isolation kündet, die das chinesische Denken nicht kennt. In „Vom Wesen des Nackten“ schreibt Jullien: „Auf der einen Seite, im Okzident, wird der Körper vornehmlich anatomisch verstanden, als ein Fleisch tragendes Skelett, das sich zerlegen, zergliedern und analysieren lässt […]. Dabei blieben die inneren Funktionen der Zirkulation und des Austauschs lange Zeit sekundär oder ganz unberücksichtigt. […] Dagegen ist auf der chinesischen Seite der Blick auf den Körper nicht anatomisch, sondern ,energetisch’. Man sieht ihn als organisches Ganzes, so dass seine lebenssichernde Funktionsfähigkeit bewahrt bleibt. In enger Beziehung und steter Verbindung mit der äußeren Welt wird der Körper selbst als eine Welt angesehen, die gleichzeitig offen und geschlossen ist und in allen Teilen von zirkulierenden, Lebenskraft übertragenden Strömen durchzogen wird.“